Letzte Woche stand ich im Rewe an der Frischetheke. Neben mir suchte eine Familie vegane Wurst. Am Ende der Theke griff eine Frau zur Hafermilch. Im Einkaufswagen vor mir lagen Beyond Meat-Burger und pflanzlicher Käse von Simply V. Was vor zehn Jahren noch als Trend einer kleinen Szene galt, ist heute Normalität in deutschen Supermärkten. Der vegane Trend in Deutschland wächst — und zwar deutlich spürbarer als viele annehmen.
Nach Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) von 2023 bezeichnen sich 14 % der deutschen Bevölkerung als Flexitarier. Hinzu kommen 1,6 Millionen Menschen, die sich vollständig vegan ernähren — eine Verdreifachung gegenüber 2016. Der Absatz pflanzlicher Lebensmittel stieg nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung allein zwischen 2020 und 2023 um 43 %. Wer die Entwicklungen in den Supermärkten, Restaurants und Kantinen beobachtet, erkennt: Die pflanzliche Küche ist dabei, sich als fester Bestandteil des deutschen Speiseplans zu etablieren. Dieser Beitrag zeigt, welche Gründe dahinterstecken, welche Trends die Entwicklung antreiben und wie Sie morgen schon den ersten Schritt machen können.

Was Sie über den veganen Trend wissen müssen — in 7 Fakten
- 1,6 Millionen Menschen in Deutschland leben vegan, weitere 11 Millionen bezeichnen sich als Flexitarier (GfK 2023).
- Der deutsche Markt für pflanzliche Lebensmittel erreichte 2024 ein Volumen von über 1,5 Milliarden Euro — ein Anstieg von mehr als 100 % in fünf Jahren.
- Berlin führt europaweit bei rein veganen Restaurants: über 100 Lokale, Tendenz steigend.
- Discounter wie Aldi, Lidl und Netto bieten mittlerweile eigene vegane Marken an; Aldi führt die LikeMeat-Linie bereits ab €3,99 im Sortiment.
- Über 40 Filialen von Veganz — dem ersten veganen Vollsortiment-Supermarkt — existieren mittlerweile in deutschen Städten.
- Apps wie HappyCow und Vegpool verzeichnen in Deutschland jeweils über 300.000 monatliche Nutzer.
- Eine Studie der Uni Bonn zeigte 2022: pflanzliche Ernährung senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um bis zu 25 %.
Warum immer mehr Deutsche auf pflanzliche Ernährung umsteigen
Die Gründe für den Umstieg sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Anders als oft dargestellt, geschieht die Umstellung selten als radikaler Bruch. Die meisten beginnen mit kleinen Veränderungen: Montag vegan, dann Mittwoch, dann immer öfter.
Tierwohl als häufigster Auslöser
Knapp 60 % der deutschen Veganer nennen Tierwohl als Hauptgrund für ihre Ernährungsumstellung. Dokumentationen über industrielle Tierhaltung — von ARD-Reportagen bis zu Instagram-Formaten — haben das Bewusstsein in den letzten zehn Jahren massiv geschärft. Wer einmal gesehen hat, wie Masthühner unter Lampen in überfüllten Ställen stehen, denkt intensiver über Alternativen nach.
Umwelt und Klima als Rationalisierung
Rund 15–20 % des persönlichen CO₂-Fußabdrucks entfallen auf Ernährung. Eine Studie des Umweltbundesamts ergab: Wer seine Ernährung auf pflanzlich umstellt, spart pro Person etwa 2 bis 3 Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr ein. Für viele Deutsche ist das ein konkreter, greifbarer Beitrag zum Klimaschutz — neben Mobilität und Wohnen der dritte große Hebel.
Gesundheit als langfristiger Anker
Studien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zeigen regelmäßig: Übermäßiger Konsum von rotem Fleisch korreliert mit höheren Raten von Dickdarmkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer LDL-Cholesterin senken oder den Blutdruck kontrollieren möchte, findet in der pflanzlichen Küche ein strukturiertes Framework. Das Gesundheitsargument wirkt als langfristiger Motivationstreiber — deutlich stärker als kurzfristige Vorsätze.
Identity und Zugehörigkeit
Ernährung ist zutiefst mit Identität verbunden. Vegetarisch, vegan, pescetarisch — die Begriffe geben Halt in einer Welt, in der vieles unsicher erscheint. Über 40 % der deutschen Veganer unter 35 gaben in einer YouGov-Befragung 2023 an, dass ihre Ernährungsentscheidung auch mit Selbstverwirklichung und persönlichen Werten zusammenhängt.
Wo der Wandel sichtbar wird: Einkauf, Gastro und Hotels
Die Zahlen sind das eine. Der Alltag zeigt das andere: In deutschen Städten ist pflanzliche Ernährung heute so sichtbar wie nie. Die Vielfalt der Angebote in Supermärkten, Restaurants und sogar Hotels hat sich in den letzten fünf Jahren grundlegend verändert.
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Supermärkte: Discounter folgen dem Trend
Wo früher Sojaschnitzel und Hafersahne in Bio-Läden die einzige Alternative waren, bieten heute auch Discounter vollständige vegane Linien. Aldi Süd führt die LikeMeat-Range mit Hack, Schnitzel und Spieße — Preise ab €3,99 pro 300 g. Lidl listet Wheaty-Produkte im Standardsortiment. Rewe hat mit dem Ausbau der Pro Vegetal-Linie die pflanzliche Abteilung deutlich erweitert. Edeka arbeitet mit der Marke Garden Gourmet, deren Produkte zwischen €4,49 und €6,99 liegen. Die Qualität der Alternativen hat sich in den letzten drei Jahren sprunghaft verbessert — kein wächserner Geschmack mehr, keine seltsame Konsistenz.
Wer gezielt nach pflanzlichen Produkten sucht, spart mit den Eigenmarken der Discounter deutlich. Ein LikeMeat-Hack von Aldi kostet rund €3,99 — vergleichbar mit konventionellem Hackfleisch. Premium-Produkte von Garden Gourmet oder Beyond Meat kosten €5–8 pro Packung. Veganz — gegründet 2014 in Halle, mittlerweile über 40 Filialen — richtet sich an Kunden, die Bio-Qualität und vollständige Transparenz bei Zutaten bevorzugen. Ein wöchentlicher Einkauf für eine Person liegt dort bei ca. €60–80.
Gastronomie: Restaurants und Kantinen folgen nach
Berlin bleibt Deutschlands Vegan-Hauptstadt. VEDELEA in Prenzlauer Berg bietet seit 2023 täglich wechselnde Gerichte mit saisonalen, regionalen Zutaten — Preise zwischen €18 und €35. Im Schöneberger Viertel eröffneten 2024 gleich drei neue vollständig vegane Lokale, darunter Lucky Frank mit kreativer mediterraner Küche. Auch Hamburg, München und Köln entwickeln sich rasant weiter.
Für Schnellrestaurant-Fans: Dean & David betreibt über 100 Standorte in Deutschland, durchgehend vegan, mit Bowls ab €9,50. The Bowl in Berlin und Hamburg bietet vollständig pflanzliche Poke Bowls ab €11,90. Kantinen großer Unternehmen — etwa Caterpillar in Leipzig oder SAP in Walldorf — haben seit 2022 eigene vegane Schichten eingeführt. Das Signal ist klar: pflanzliche Gerichte sind nicht mehr Ausnahme, sondern Teil des Standards.
Hotels: Das neue Wachstumssegment
Vegane Hotels sind das am schnellsten wachsende Segment im deutschen Beherbergungsmarkt.Wievegan — ein Vermittlungsportal für vegane Hotels in Deutschland — listet aktuell über 85 Hotels mit vollständig veganer Verpflegung, von kleinen Pensionen in Schleswig-Holstein bis zu Wellness-Resorts im Schwarzwald. Eine Übernachtung mit Vollpension kostet typischerweise €110–180 pro Person und Nacht. Der Zuschlag gegenüber konventioneller Verpflegung liegt bei ca. €40–60 pro Nacht für die Umstellung auf vegane Küche.
Praktische Tipps: So starten Sie noch diese Woche
Theorie ist gut. Konkrete Schritte sind besser. Hier sind vier Strategien, die sich in der Praxis bewährt haben.
1. Vegpool und HappyCow nutzen. Beide Apps zeigen vegane Restaurants, Cafés und Lebensmittelgeschäfte in Ihrer Umgebung. Vegpool hat eine starke deutsche Community; HappyCow ist international stärker und ideal für Reisende. Beide sind kostenlos als iOS- und Android-Version verfügbar. Probieren Sie ein Restaurant, das Sie bisher nicht kannten — allein diese Woche.
2. Die vegane Abteilung im Supermarkt gezielt ansteuern. Rewe, Edeka, Lidl und Aldi haben alle pflanzliche Sortimente, oft im hinteren Bereich des Ladens versteckt. Fragen Sie das Personal — viele Mitarbeiter kennen sich inzwischen gut aus. Oatly-Haferdrink (€2,19–2,79), Alnatura-Sojajoghurt (€2,49) und Veganz-Müsliriegel (€3,29) sind gute Einstiegsprodukte, die in den meisten großen Supermärkten erhältlich sind.
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3. Einen Tag pro Woche komplett vegan planen. Wählen Sie einen festen Tag — Mittwoch oder Sonntag — und bereiten Sie nur pflanzliche Mahlzeiten vor. Linseneintopf (Klassiker: rote Linsen mit Kurkuma und Spinat, ca. €2 pro Portion), Pasta mit geräuchertem Tofu und Tomaten oder ein Buddha-Bowl mit Kichererbsen. Keine fancy Zutaten, die Sie nicht kennen — alles aus dem normalen Supermarkt.
4. Mittags in der Kantine oder beim Caterer auf die vegane Option zurückgreifen. Große Betriebsgastronomen wie Aramark, Klüh und Sodexo haben seit 2023 ihre veganen Angebote deutlich ausgebaut. Wenn Ihre Kantine eine vegane Option anbietet, nehmen Sie sie — und sagen Sie dem Küchenteam, dass Sie sie nutzen. Nachfrage erzeugt Angebot, und Angebot senkt die Preise.
Der Umstieg auf pflanzliche Ernährung ist kein Alles-oder-nichts. Jeder vegane Tag zählt. Jedes Gericht, das Sie ausprobieren, erweitert Ihr Repertoire. Und die Auswahl an veganen Produkten in Deutschland ist heute so groß, so gut und so erschwinglich wie nie zuvor. Das ist der Kern dessen, warum der vegane Trend in Deutschland wächst.
Wichtigste Erkenntnisse auf einen Blick
Der vegane Trend in Deutschland wächst in einer Geschwindigkeit, die selbst Experten überrascht. Was vor einem Jahrzehnt noch als Nische galt, hat sich in den letzten fünf Jahren zur mainstream-bewegung entwickelt — getragen von besseren Produkten, niedrigeren Preisen und einer wachsenden kulturellen Akzeptanz.
Der Markt spricht für sich: Über 1,5 Milliarden Euro Umsatz mit pflanzlichen Lebensmitteln in 2024, über 1,6 Millionen Menschen, die sich vegan ernähren, und eine Flexitarier-Quote von 14 % zeigen, dass die Entwicklung weder ein vorübergehendes Phänomen noch eine bloße Marketingkampagne ist. Veganz expandiert, Aldi listet LikeMeat im Standardsortiment, und Restaurants wie VEDELEA in Berlin zeigen, dass gehobene vegane Küche kein Widerspruch ist.
Die Gründe sind rational und emotional zugleich: Tierwohl, Umweltschutz und Gesundheit wirken als gleichwertige Motivationstreiber — und die gesellschaftliche Sichtbarkeit veganer Lebensstile senkt die Einstiegshürde erheblich. Wer heute vegan isst, gilt nicht mehr als Außenseiter, sondern als Teil einer wachsenden Bewegung, die auch wirtschaftlich ernst genommen wird.
Praktisch war der Einstieg nie einfacher: Vegpool und HappyCow zeigen das nächste vegane Restaurant oder Café in Ihrer Nachbarschaft. Discounter bieten vollständige pflanzliche Sortimente zu Preisen, die vor fünf Jahren undenkbar waren. Kantinen integrieren vegane Schichten als festen Bestandteil. Und Hotels? Kommen Sie pflanzlich — das Angebot wächst auch dort.
Die Frage ist nicht mehr, ob vegane Ernährung in Deutschland zunimmt. Die Frage ist nur noch: Wann steigen Sie ein?

